Fischer/Grandner (Hrsg)Globale Ungleichheit – Über Zusammenhänge von Kolonialismus, Arbeitsverhältnissen und Naturverbrauch

2. Auflage, Mandelbaum Verlag, Wien 2022, 400 Seiten, € 26,–

KLAUSFIRLEI (SALZBURG)

In dem hier rezensierten Sammelband wird in 14 Kapiteln (sowie weiteren illustrierenden Exkursen) aus dem Blickwinkel zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen und elaborierter Theorien der in der Fachwelt unbestrittene Befund (siehe etwa das Zahlenmaterial bei Alvaredo et al, Die weltweite Ungleichheit [2018]) exorbitanter und leider steigender globaler Ungleichheit aufgearbeitet. Es ist nicht verfehlt, dem Buch nicht nur als Sammlung von Abhandlungen, sondern auch als veritables Lehrbuch und umfassendes Kompendium zum Thema Anerkennung zu zollen. Es werden die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Rahmenbedingungen, geschichtlichen Entwicklungen, Machtverteilungsmechanismen, Gewalt und Krieg, ökologischen Zerstörungen, Einkommensund Vermögensungleichheiten etc dargestellt. Die grundlegende Haltung der Beiträge ist zu Recht sehr kritisch gegenüber den herrschenden Realitäten, den bestehenden Produktionsverhältnissen und dem geltenden globalen Rechtsrahmen. Die Beiträge behandeln ua die historischen und aktuellen Auswirkungen von Kolonialismus und Rassismus, die Bewegungsgesetze der globalen politischen Ökonomie und des hyperaggressiven Finanzmarktkapitalismus, die fatalen Folgen der bestehenden internationalen Arbeitsteilung sowie nicht zuletzt die globale ökologische Ungleichheit.

Für die Zusammenstellung der Beiträge und Fallbeispiele gebührt den Herausgeber:innen (Karin Fischer, die am Institut für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz globale Soziologie lehrt, und Margarete Grandner, Professorin für Internationale Entwicklung der Universität Wien) große Anerkennung.

An dieser Stelle können nur einige Befunde und Deutungen herausgegriffen werden. Das Niveau der nicht erwähnten Beiträge soll dadurch in keiner Weise geschmälert werden.

Exenberger weist darauf hin, dass die Kennzahlen menschlicher Entwicklung in engem Zusammenhang mit der Einkommensungleichheit stehen. Die Hypothese „arm aber glücklich“, der ja Teile einer romantischen Kapitalismuskritik durchaus zuneigen, ist daher schon empirisch höchst problematisch. Bemerkenswert sein Hinweis darauf, dass die Kennzahlen menschlicher Entwicklung (HDI [Human Development Index]) in der Anfangsphase kolonialer Ausbeutung am wenigsten 431 gestiegen sind, am stärksten sind sie es in der Phase erfolgreicher kommunistischer Entwicklung und deutlich weniger dann wieder in der postkolonialen Phase.

Fischer und Grandner erklären die Hoffnung modernisierungstheoretischer Ansätze auf eine durch „trickle down“ verursachte „nachholende Modernisierung“ als weitgehend gescheitert. Strukturelle Abhängigkeitsbeziehungen könnten aber ebenfalls keine umfassende Erklärung für globale Ungleichheit liefern.

Andrea Komlosy (Die Entstehung der „Dritten Welt“) beschreibt Theorien und Modelle globaler Ungleichheit. Überzeugend ist ihre kritische Betrachtung von „Unterentwicklung“. Diese konstituiere sich aus strukturellen Abhängigkeiten und struktureller Heterogenität.

Im Beitrag von Claudia Rauhut und Manuela Boatca geht es ua um die Fragen, auf welchen unterschiedlichen Ebenen sich die im Kolonialismus etablierten Machtverhältnisse heute fortschreiben und welche Formen der Ungleichbehandlung sich auf koloniale Konstruktionen des „Anderen“ zurückführen lassen. Sie kommen zum Ergebnis, dass die Erlöse aus kolonialer Ausbeutung unverzichtbar waren, um die für die Industrialisierung notwendigen Investitionen zu finanzieren. Gleichzeitig habe der Kolonialismus ethnische Hierarchien zementiert, deren Wirkung bis heute fortbestehe.

Der Beitrag von Marcel van der Linden widmet sich der Problematik, wie sich in den verschiedenen Weltteilen die sozialen Kämpfe gegen Ausbeutung und die Arbeiterbewegungen entwickelt haben. Ein Exkurs dazu informiert über Initiativen zur Verbesserung von Arbeitsstandards in der Bekleidungsindustrie am Beispiel von Brandschutzabkommen, ein anderer über die hierzulande weitgehend unbekannten internationalen Kampagnen gegen Samsung.

Auch die Theorie kommt ausreichend zu Wort. Hingewiesen sei hier ua auf den Beitrag von Fischer/Leubold „Theorien globaler Ungleichheit“, der den Leser:innen eine ausgezeichnete Bestandsaufnahme und einen klug kommentierten Überblick bietet (dazu auch Anke Graneß, in Kapitel 14: Theorien globaler Gerechtigkeit). Sie unterscheiden marxistische, politökonomische und kulturelle Ansätze. Dieser Beitrag ist einer der ganz zentralen und sollte mE am Anfang der Lektüre stehen. Die Verfasser:innen messen der Erklärungskraft marxistischer Ansätze zu Recht große Bedeutung bei: kapitalistisch organisierte Ökonomien erforderten für ihren Fortbestand nicht-kapitalistische soziale Gebilde, was für eine Erweiterung der Klassentheorie um die Aspekte des Kolonialismus und Rassismus sowie der Ausbeutung der Reproduktionsarbeit der Frauen spricht. Die Ausbeutung der globalen nichtkapitalistischen Sektoren ermögliche zum einen die Nutzung der an der „Peripherie“ vorhandenen Ressourcen und billigen Arbeitskräfte, gleichzeitig sind diese Weltregionen aber auch Absatzmärkte für die Produkte der global tätigen Konzerne. Dadurch werde eine selbsttragende Entwicklung der Wohlfahrtsindikatoren im globalen Süden maßgeblich blockiert.

Nicht überzeugend ist für Anlauf/Schmalz die breit vertretene Konvergenz-Hypothese, nach der die Globalisierung zu einer weltweiten Angleichung von Lebensstandards führen soll. Auch der behauptete kausale Zusammenhang zwischen Globalisierung und Wirtschaftswachstum wird als Konstruktion demaskiert. So habe der berüchtigte „Washington Consensus“ zu einer verlorenen Dekade in Lateinamerika und dem Sub-Sahara-Afrika geführt. Industrialisierung führe nicht automatisch zu mehr Wohlstand. Die arbeitsintensive Exportindustrie stütze sich auf niedrige Löhne und unsichere Beschäftigungsverhältnisse. Fazit: Die Welt wächst durch die Globalisierung nicht zusammen.

Kapeller/Schütz/Ferschli verfechten die mE überzeugende These, dass sich Globalisierung, Finanzialisierung und globale Ungleichheit parallel entwickeln. Der Kapitalismus der fordistischen Nachkriegsregime sei durch einen Kapitalismus abgelöst worden, in dem die Rendite überwiegend durch Kapitalmarkt-Portfolios generiert wird. Sie plädieren konsequenterweise für eine Re-Regulierung des Finanzsektors.

Anke Schaffartzik beschäftigt sich mit der Thematik der globalen ökologischen Ungleichheit. Dabei entlarvt auch sie die These und darauf aufbauende Strategie der „nachholenden Entwicklung“ als einen Mythos. Den Weg der Industriestaaten zu kopieren und dadurch zu mehr Wohlstand zu kommen, sei nicht erfolgversprechend. In Zukunft müsse es deutlich weniger Material- und Energieverbrauch geben. Das grenzenlose Wachstum, von dem (Über-)Konsum und Reichtum im Globalen Norden abhängen, brauche die bestehenden Ungleichheiten und sei ohnehin nicht für alle möglich. Das Wachstum in seiner heutigen Form gleiche Unterschiede nicht aus, sondern verschärfe sie. Das relativ hohe Konsumniveau der Bevölkerungen des reichen Nordens beruhe auf einem Wachstum, das aus sozialer Ungleichheit, ökologischem Raubbau und einem exzessiven Extrahismus (der maßlosen Plünderung von Natur und Rohstoffen) gespeist wird. Auch die Gratisarbeit der Frauen in der globalen Peripherie trage maßgeblich zum Konsumniveau in den „reichen Staaten“ bei. Der globale Süden sei von den veränderten klimatischen Bedingungen stärker betroffen. Schaffartzik plädiert dann letztlich für Degrowth, weniger Material- und Energieverbrauch und eine Abkehr von den derzeit dominierenden ökonomischen und sozialen Narrativen.

Aus Gründen der Aktualität sei noch ein Blick auf das Kapitel „Gewalt, Krieg und Ungleichheit“ geworfen, verfasst von Angela Meyer und Gregor Giersch. Nach einer lehrreichen und kritischen Aufarbeitung maßgeblicher theoretischer Ansätze zum Verhältnis von Ungleichheit und Gewalt ist der Hinweis auf die Hypothese von Milanovic und Hausner bemerkenswert, dass es iSd klassischen Imperialismustheorien die chronischen Verwertungskrisen des Kapitalismus sind, die von einer räumlichen Expansion und in weiterer Folge zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Sie stimmen der These von Kaldor zu, dass die „neuen Kriege“ (Münkler), etwa in Somalia, Afghanistan, Libyen, Irak, als Teil der Globalisierung und als Folge der Modernisierung erklärt werden können. Diese Debatte berührt insofern die Problematik des Ukraine-Krieges, als dieser ua auch als eine Konsequenz des expansiven US-Imperialismus in Osteuropa gedeutet werden kann.

Zusammenfassend sei dieses Lehrbuch hinsichtlich aller Kapitel inklusive der anschaulichen Exkurse einer intensiven Lektüre anempfohlen. Es legt Zusammenhänge offen, die häufig unbeachtet bleiben. Besonders 432 eindrucksvoll sind die Darstellung und Erklärung der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Kapitalismus, Ungleichheit und ökologischen Krisen. Als Manko sei das Fehlen der rechtlichen Dimensionen der Problematik, auch iS von konkreten Lösungsmöglichkeiten, erwähnt.